Meine Vision: Sanft bleiben und dennoch unerschütterlich sein.

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Ich saß nur kurz im Hotel nach diesem Tag, an dem ich 1000 rosa Lilien verteilt hatte. Kurz, weil ich aufgepusht war, high von all der Liebe, ich konnte nicht sitzen, wollte das Gefühl nicht vergehen lassen, nicht tauschen gegen Ruhe oder Erschöpfung. Ich wollte es aufsaugen, festhalten, am liebsten sofort konservieren. Konzentrieren könnte ich es auf den Satz: Wie wenig es doch braucht. Wie wenig, an diesem Tag in Form einer etwa vierzig Zentimeter langen, in braunes Papier eingeschlagenen Linie, mit zwei bis vier Blüten vielleicht, manche schon geöffnet, viele noch zu.

Wochen hatte ich auf diesen Tag hingefiebert, fiebrig vor Angst, diese alte Furcht vor der Ablehnung: Wie würden die Menschen reagieren? Eine Lilie, das ist wahrlich der Trick, öffnet die Tür zur Aufmerksamkeit der Menschen, mehr als ich es je geahnt hätte.

Berlin war seit Wochen grau, es war eisig, es lag Schnee, aber man übersah ihn schnell, unter den orangefarbenen Mülleimern oder neben Bordsteinkanten. Ein Winter, wie es ihn seit sechzehn Jahren nicht gab, schreiben die Medien. Und ich entschied mich, etwas zu tun, was ich noch nie getan hatte: der ganzen Welt (Berlin-Mitte) in Echtzeit zu erzählen, was ich gerade tat: „Hallo, ich bin Thekla und ich schreibe Bücher. Am Samstag, dem 14.02., kommt das erste Hörbuch. Das Datum? Weil sich das Gewalthilfegesetz zum ersten Mal jährt. Und natürlich, weil es der Valentinstag ist. Beides an einem Tag. Erstaunlich, oder? Eine Blume für dich! Sehr gerne. Ja, ein wenig Eskapismus im heutigen politischen Zeitgeschehen. Gerade sagte jemand: Wie ein Tagebuch, das man nicht selbst schreibt. Das finde ich sehr schön.“ Hunderte Male.

Ich stand nicht allein an der U-Bahn-Station Weinmeisterstraße, mit mir zwei Promoterinnen, die die Agentur sehr gut ausgewählt hatte. Auch sie verteilten Lilien und erzählten von Wir bleiben wir. Im Briefing hatte ich darauf hingewiesen, sie könnten Interessierte jederzeit zu mir schicken, und das taten sie. Es kamen viele Menschen, in der Hand ihre Lilie, und wollten mehr über die Bücher wissen.

Es dauerte nicht lange und überall waren sie, die Lilien. Ich hatte meine Freundin Manuela Clemens gefragt, ob sie mich für ein paar Fotos begleiten würde, und als wir uns zum Abschluss und zur Stärkung auf den Weg zum Bucchitobar machten, sahen wir sie überall: in Armbeugen, in Rucksäcken, an Kinderwagen. Für ein paar Stunden war es sehr bunt an diesem grauen Tag in Berlin.

Ich selbst hatte mir am Morgen im Hotel Zeit genommen. Statt wie sonst bei lieben Menschen zu übernachten, entschied ich mich für Ruhe und Konzentration: Ich stellte mir rechtzeitig den Wecker, ging duschen, ließ meine Haare lufttrocknen und knetete sie dabei immer wieder, so wie sie mir am besten gefielen. Ich wollte sicherstellen, dass ich mich wohlfühlte. Es sollte keine Ausreden geben, kein Bedauern, keine Eventualitäten. Ich wollte in meinem zufriedensten Ich auf der Straße stehen und von meiner Arbeit erzählen.

Nachdem ich die letzten zwanzig Jahre mit wissenschaftlicher Forschung und Unternehmertum verbracht habe, ist es jetzt eine Offenbarung, mich der Kunst hinzugeben. Es legt etwas in mir frei, was verletzlich ist, aber gleichzeitig unumstößlich.

Es gibt kein Zurück. Es geht nicht um Perfektion, sondern um die Logik des Gefühls. Die Suche nach dem, was aufrichtig ist. Während ich in den letzten Jahren immer wieder an meine Grenzen gestoßen war, weil im Umfeld all diese Menschen umherirrten, die die Deutungshoheit für sich beanspruchten und stets wussten, was richtig ist, wurde ich immer stiller. Ich hielt es nicht aus, den ewigen Whataboutism versus einen nicht enden wollenden Holismus, beides Seiten einer Medaille, der ich nicht mehr nachlaufen wollte: Ich entschied mich für einen radikalen Schritt: die Hinwendung zu dem, was in mir ist.

Zurück zur Verletzlichkeit: Egal wie sicher man sich ist, dass es nicht mehr anders geht, bleibt die Angst vor Ablehnung. Angst vor Ablehnung ist nichts anderes als Feindseligkeit, lernte ich einst. Man würde schon im Voraus annehmen, die anderen Menschen würden negativ reagieren, was wahrlich keine besonders heitere Einstellung ist. Und so kämpfe ich seit vielen Jahren mit dieser Angst, drücke sie zu Boden, indem ich haufenweise E-Mails mit Anfragen und Einladungen rausschicke, ohne zu fürchten, dass mich jemand auslacht. Indem ich seit bald einem Jahr hier jede Woche schreibe, ohne Angst davor, dass Follower:innen gehen. Indem ich meinen Normcore-Stil wieder hinter mir lasse und auf die Suche nach dem Stil gehe, der meinem Ausdruck entspricht. Alles Babysteps in die gleiche Richtung: endlich bei mir selbst ankommen.

Es klappt eigentlich ganz gut, die Angst vor Ablehnung klein zu halten. Weggehen wird sie wohl nie, und ich lerne, dass es mir hilft, mich immer wieder bereit zu machen. Also: duschen, Haare fein, Outfit passend, heißer Kaffee im Recup und los geht’s. Auf dem Weg begegnen mir schon die ersten Plakate, die die Agentur bereits in der Woche davor hängen ließ. Plakate, die vom neuen Hörbuch erzählen, ein Bild von Oli und mir, die Lilien, ein Zitat aus dem Buch. Der Epilog. Alles da. Alles ich. Ob ich das je begreifen kann? Ich weiß es nicht.

Ich traf die anderen und es ging schnell los, die ersten Menschen bekamen ihre Lilien und der Tag verlief wie ein Rausch, die Füße wurden nicht kalt, ich staunte über die Herzlichkeit, die Fragen. Ein Mensch war sogar so beseelt von der Lilie, dass er mir den Literaturnobelpreis wünschte, zwei Frauen umarmten mich. Die Zeit verflog und ehe ich mich mit einer Freundin in der Muschelbar traf, tigerte ich aufgeregt durch das Hotelzimmer und versuchte zu begreifen, wie wenig es eigentlich brauchte, um Menschen zu begegnen.

Es ist besonders schön, weil es das Metathema des Buches ist: Wie wir uns begegnen, entscheidet, wie unser Leben sich gestaltet, und da war es doch ein sehr schöner Beweis, dieser Tag im Februar in Berlin.

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