Lesung in Köln

Theklawilkening Event Web 2194

Seit ich denken kann, frage ich mich, ob ich eher introvertiert oder extrovertiert bin. Die Antwort – so viel vorweg – habe ich noch nicht gefunden.

Eine Zeit lang war ich mir sicher, ich wäre eigentlich introvertiert und nur extrovertiert, wenn es von mir erwartet würde. Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass es nicht mit den Erwartungen der Menschen zusammenhängt, sondern damit, die richtigen Menschen um mich herum zu haben. Fühle ich mich wohl, fällt es mir ganz leicht, Geschichten zu erzählen, Menschen zum Lachen oder Tanzen zu bringen. Fühle ich mich in der Gesellschaft unwohl, verstumme ich. Muss ich mich in einer Gesellschaft trotzdem extrovertiert verhalten, obwohl ich mich nicht wohl fühle, wird es zur Qual.

Nun kann ich die Eingangsfrage immer noch nicht beantworten, aber eine Konsequenz, die ich mittlerweile gezogen habe, ist:

Ich versuche, so viel Zeit wie möglich mit Menschen zu verbringen, bei denen ich mich wohlfühle, und alles andere zu vermeiden.

Meine Freundin K erzählte mir vor ein paar Tagen, dass sie so manchen Content von mir schwer glauben könne: ein Tag in unserem Haus auf der Wiese, kaum Menschen, vielleicht ein Kuchen, die Babys, meine Bücher. Sie sagte, es helfe ihr zu wissen, dass es bei uns tatsächlich so aussieht.

Ich verstehe sie, vor allem deshalb, weil mein Leben nicht immer so aussieht. Ich liebe das Changieren zwischen diesem unglaublich ruhigen, bewussten Leben und Kurztrips in die Stadt, wo alles wild und bunt ist – vorausgesetzt, ich kann mich mit den richtigen Menschen umgeben. K ist so ein Mensch, und bei meiner Reise nach Köln durfte ich wieder feststellen, dass es davon einige gibt (was sehr beruhigend ist).

Ich wurde von den Gründerinnen des nachaltigeren Pyjama-Labels Avonté aus Köln eingeladen, in ihrem Pop-up-Store zu lesen, und durfte das Event so gestalten, wie ich es mir wünschte. Ich entschied mich für eine kleine Gute-Nacht-Geschichten-Session vorab, mit der Idee eines sanften Einstiegs und analoger Achtsamkeit. Und so kam es auch. Ich leitete die Geschichte an wie eine Meditation: Wir schlossen immer wieder die Augen, stellten uns die Figuren und ihre Eigenschaften vor, dann gab es einen kurzen Austausch darüber, anschließend Zeit zum Aufschreiben. Wir wiederholten diesen Ablauf ein paar Mal, bis die Geschichte stand. Sie hatte gemeinsame Elemente, und doch stand auf jedem der Blätter etwas anderes – eigene Worte oder Wesentlichkeiten. Am Ende malten wir mit Buntstiften und klebten auf alles selbstklebende Wackelaugen (alles wird süß mit Wackelaugen).

Dann gab es eine kurze Pause, die ich nutzte, um mit Christoph Kronseder Fotos zu machen. Chris hatte ich auf LinkedIn entdeckt und angeschrieben, seine Arbeit gefiel mir – die Farben, die Leichtigkeit. Wir nutzten die schöne Location des Pop-up-Stores, und meine Freundin W spielte Statistin, um es mir wieder leichter zu machen, vom Introvertierten ins Extrovertierte zu wechseln. Wir waren gerade fertig, da kamen weitere tolle Menschen, und der Abend glitt sanft über in die Lesung. Mit Sekt und sauren Gummitieren, schönen Gesprächen, Wiedersehen und kleinen Pausen zwischen den Leseeinheiten.

Die Idee mit den Pausen dazwischen hatte ich mir bei einer Sängerin abgeschaut, die letzten Sommer hier bei uns auf der Insel spielte. Caroline Cotter ist das ganze Jahr auf Tour, in kleinen Clubs, Bars und Cafés. Selten große Events, das meiste eher nahbar. Die Begegnung mit ihr ließ mich nicht los, denn wir sprachen in der Pause und sie kam spontan zum Frühstück am nächsten Morgen. Ich dachte: Was für ein schönes Leben – die eigene Kunst verfolgen, davon leben können und trotzdem stets die Überforderung der Anonymität vermeiden.

Mich schmerzt Anonymität, sie ist wie ein Schleier der Leere, der sich über mich legt, wenn ich auf großen Events spreche und merke, wie niemand niemanden wirklich kennt, erkennt oder erlebt.

Dabei kann es ja auch umgekehrt sein: Es kann auch die Intimität sein, die Menschen Angst macht. Und so komme ich jetzt und hier gerade zu dem Schluss, dass die Frage vielleicht nicht ist: extrovertiert oder introvertiert, sondern vielmehr: die Sehnsucht nach Anonymität oder Intimität? Und die kann ich für mich ganz klar beantworten: Ich befinde mich am liebsten in Räumen mit viel Intimität und wenig Anonymität.

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